Deutzer Hafen

Zwischen Alfred-Schütte-Allee und Am Schnellert

Rainer Rossmann
Kurztext


Mit den gleichzeitigen Eingemeindungen von Deutz und Poll 1888 nach Köln erhielten die schon für den Rheinauhafen von der Stadt Köln betriebenen Hafenpläne eine neue Dimension. In Ergänzung zur Handelsfunktion des Rheinauhafens sollte Deutz der Industrie dienen. Vorausgegangen war die von Wilhelm Scheiner 1884 im Bild festgehaltene Befestigung der Kaianlagen zwischen der Schiffsbrücke (später Deutzer Brücke) und einem als „Schnellert“ bezeichneten Altrheinarm. Die verbliebene Wasserfläche zwischen dem Poller Werth und dem Deutz-/Poller-Ufer bot ein nahezu natürliches Hafenbecken. Zwischen 1904 und 1907, teilweise auch noch bis zum Ersten Weltkrieg wurde durch Ausbaggerung und Uferbefestigung aus dem Altrheinarm der Industriehafen Köln-Deutz.

Krananlagen Hafen-Total. Foto Boris Sieverts
Das 1090 Meter lange und 88 Meter breite Hafenbecken gliedert sich in einen bis zur Drehbrücke reichenden Vor- und den südlich der Drehbrücke liegenden Haupthafen. Geprägt wird der Deutzer Hafen durch die Ellmühle, einer Großmühle die aus zwei einzelnen, bereits kurz nach Hafenbau angesiedelten Mühlen hervorgegangen ist. Drei schwere Kräne im Haupt- und Industriehafen von 1963 / 1980 sowie zwei Verladebrücken 1983/1985 verweisen auf die Art des Umschlags.

Besondere Gestaltqualitäten weist die 1907/08 erbaute, über das Hafenbecken hinweg zur Rheinuferstraße und den Poller Wiesen führende Drehbrücke auf. Es ist eine elektrisch betriebene, ungleicharmige Fachwerkbrücke, deren Bedienung von einem kleinen, über dem Drehpunkt angeordneten Häuschen aus erfolgt. (Rainer Rossmann)



Rainer Rossmann
Deutzer Hafen

Ähnlich wie in Mülheim durfte auch in Deutz Jahrhunderte lang in Konkurrenz zu Köln kein Handelshafen entstehen. Somit gab es lange Zeit lediglich einen kleinen Hafen als Schutzhafen für die Fährboote und Fähreinrichtungen. Das Fährrecht zwischen Köln nach Deutz hatte Kaiser Otto I. seinem Bruder, dem Kölner Erzbischof Bruno I. als vererbliches Regal verliehen, das in den folgenden Jahrhunderten mehrfach bestätigt wurde. 

Dennoch war das Deutz-Poller Ufer von höchster Bedeutung für Köln. Durch Hochwasser und Eisgänge bestand die stete Gefahr, dass sich der Rhein ein anderes Flussbett sucht, wodurch der florierende Kölner Rheinhandel massiv bedroht wäre. Hätte sich der Rhein östlich von Deutz einen neuen Verlauf gesucht, könnte der Hafen der Stadt nicht mehr angefahren werden. Der komplette Zusammenbruch des Kölner Handels wäre die Folge gewesen. Eine Katastrophe für die Kölner Kaufmannschaft und die gesamte Stadt Köln.

Versenkte Schiffe. Foto Markus Trier, Römisch-Germanisches Museum
Poller Köpfe 1583.
Seit dem 12. Jahrhundert hatten die Kölner deshalb ein besonderes Auge auf das rechte Rheinufer bei Poll gerichtet. Mit Weidenanpflanzungen, Buhnen und Kribben bemühte man sich, ein Ausweichen des Flusses zu verhindern. Um 1560 wird das Großbauwerk „Poller Köpfe“ in Angriff genommen und in den nächsten zweieinhalb Jahrhunderten permanent fortgeführt. Drei Uferbefestigungen, die drei „Poller Köpfe“ werden gebaut. Hierzu werden Eichenstämme mit Eisenschuhen bewehrt und in den Flussgrund getrieben. Durch schweren Querbalken entstanden Hohlräume, die mit Basaltbrocken gefüllt wurden. Zudem zog man alte und beschädigte Schiffe vor das Ufer, füllte sie mit Basaltsäulen und Kies und versenkte sie. Bug an Heck aneinandergereiht, verstärkten sie die „Poller Köpfe“ und stellen heute ein einmaliges Depot historischer Schiffe dar, das seit der Entdeckung im Jahre 2004 als archäologisches Denkmal geschützt ist. Welche Anstrengungen Köln mit den Bauwerken unternahm, zeigen die Dimensionen der Poller Köpfe: der nördliche Kopf soll bis 1.500 Meter lang gewesen sein, die beiden anderen bis zu 200 Meter und jeweils sieben bis acht Meter breit. Bis zu dreieinhalb Meter schauten die Bauten aus dem Wasser. Bei dem schweren, mit einem Eisgang verbundenen Hochwasser vom 27. Februar 1784 wurden auch die „Poller Köpfe“ weitgehend zerstört. Letzte in den Rhein ragende Teile der „Poller Köpfe“ entfernte man schließlich beim Bau des Deutzer Hafens.
Durch die Eröffnung der ersten Teilstrecke der Köln-Mindener Eisenbahn nach Düsseldorf am 20. Dezember 1845 und die zunehmende Industrialisierung verstärkte sich das Verlangen nach einem eigenen Deutzer Hafen. Die Waggonfabrik van der Zypen & Charlier begann am 14. Dezember 1845 an der Deutz-Mülheimer Straße mit der Produktion von Eisenbahnwaggons. Von der ersten Produktionsstätte in der Servasgasse, hinter dem heutigen Hauptbahnhof, verlegten Otto und Langen 1869 ihre Motorenfabrik, die erste der Welt, ebenfalls an der Deutz-Mülheimer Straße. Weitere möglichen Hauptkunden eines Deutzer Hafens waren die Kalker Industrieunternehmen, allen voran die am 1. November 1858 gegründete spätere Chemische Fabrik Kalk.

Schnellert 1884. Aquarell Wilhelm Scheiner
Schnellert 1888. Wilhelm Scheiner
Im 19. Jahrhundert verhinderte die Lage des potentiellen Hafengebietes in der preußischen Festung den Hafenbau. Erst mit der 1888 erfolgten Eingemeindung von Deutz und Poll nach Köln sowie der Ausdehnung der Befestigung besserten sich die Voraussetzungen für die Neuanlage. Unter Nutzung einer „Poller Werth“ genannten Landzunge mit natürlichem Hafenbecken, dem „Schnellert“ wurden der Bassinhafen geplant und die dafür notwendigen Grundstücke auf der Grundlage einer Kabinettsordre enteignet. Diese Enteignung von etwa 1100 Parzellen dauerte bis 1898. Erste Baggerarbeiten gab es schon 1895. Der eigentliche Bau des Hafenbeckens begann jedoch erst 1904 und war mit der Eröffnung am 14. Dezember 1907 abgeschlossen.

Der Deutzer Bassinhafen besteht aus zwei Hafenbecken: vor und hinter der Drehbrücke. Die Trennung erfolgte durch die Eröffnung der Drehbrücke im März 1908. Das südliche Becken fungierte als Industrie- und Winterhafen und bedeckte eine Fläche von 6 ha. Das kleinere nördliche Becken maß 3,5 ha und diente als Sicherheitshafen. Die beiden Kaimauern der Hafenbecken sind äußerst solide aus Basaltlagerköpfen errichtet. Aus der Bauzeit sind auch die Sacktreppen und Poller erhalten.

Insgesamt ist die Anlage 1.098 Meter lang; die Breite beträgt 88 Meter am Beckenkopf und 70 Meter an der Hafeneinfahrt. Der Vorhafenbereich in Deutz, der vielen Unternehmen als Umschlagplatz diente, reichte ursprünglich mit einem 700 Meter langen Kai bis an die Deutzer Brücke heran.

Lokschuppen. Foto 2020
Entlang der Hafenbecken führen die Gleise der Hafenbahn, die sich am Durchlass durch den Damm der Südbrücke vereinigen und dann weiter zum Verschiebebahnhof Poll laufen. Hinter dem Damm liegt auch der originale Lokschuppen der Hafenbahn mit kölnischem Wappen.

Drehbrücke. Foto 1994
Außergewöhnlich kunstvoll gestaltet ist die 1907-08 erbaute, 177 t schwere Drehbrücke, die über das Hafenbecken hinweg zur Rheinuferstraße und den Poller Wiesen führt: Die elektrisch betriebene, ungleicharmige Stahlfachwerkbrücke hat zu den Enden in elegantem Schwung abfallende Träger. Sie wird von einem kleinen, über dem Drehpunkt angeordneten Häuschen aus bedient. Die ornamental verzierten Blechplatten des Führerhäuschens, die großen, laternenbekrönten Pfeiler an den Brückenzufahrten und die Bleche in den Brüstungsgittern zeigen Formen eines „geometrischen“ Jugendstils. Hersteller waren die Firmen Harkort aus Duisburg und Haniel & Lueg aus Düsseldorf. (s. hierzu gesondert: „Drehbrücke im Deutzer Hafen“).

Mühlen im Deutzer Hafen, um 1925
Ellmühle nach dem Wiederaufbau. Foto Achim Bednorz
Wie alle großen Rheinhäfen zwischen Duisburg und Basel ist auch der Deutzer Hafen durch Großmühlen zur Versorgung der städtischen Zentren geprägt. Schon kurz nach dessen Fertigstellung siedelten sich zwei direkt benachbarte Großmühlen an. Nördlich direkt an der Drehbrücke wurde eine Großmühle, die Auermühle, von der bedeutenden Kölner Unternehmensfamilie Heinrich Auer errichtet. Direkt südlich anschließend entstand zeitgleich 1908-1909 die Weizenmühle von Ferd. Leysieffer & Lietzmann, die seit 1924 zur Gruppe der Kampffmeyer-Mühlen gehörte. Nach schweren Kriegsschäden wurde die Ellmühle unter Nutzung von Bausubstanz aus der Zeit vor 1914 in den eindrucksvoll-schlichten Formen der Nachkriegsmoderne wieder aufgebaut. Mit dem Wiederaufbau ließ sich die Firma Auer das Warenzeichen „Aurora“ registrieren. Der Werbeslogan „Aurora mit dem Sonnenstern“ wurde bundesweit bekannt und entwickelte sich zu dem bestimmenden Produkt des Deutzer Hafens. 1964 umbenannt in Ellmühle, ging dieser Name nach betrieblicher Verschmelzung beider Mühlen im Deutzer Hafen 1975 auf den ganzen Komplex über. Das Bild der Gesamtanlage wird zudem durch Silobauten geprägt, besonders durch das 1963/64 errichtete Betonröhren-Silo ganz im Süden der Großmühle.

Der großvolumige und weithin sichtbare Baukörper der Ellmühle bildete die Maßstabsgrundlage für den städtebaulichen Entwurf und die zukünftige Bebauung. In Zukunft soll die Mühle weitgehend erhalten und umgenutzt werden. Dabei sollen durch Abbruch des „Bunkersilos“ der früheren Auermühle wieder zwei getrennte Baukörper entstehen, die den beiden historischen Mühlenanlagen entsprechen. (s. hierzu gesondert: „Auermühle“ und „Ferd. Leysieffer & Lietzmann“).

In den 1920er Jahren standen im Hafen 4 elektrische und 3 dampfbetriebene Kräne. Die Chemische Fabrik Kalk schlug, bis zu ihrer Schließung im Dezember 1993, hier Massengüter um, insbesondere Salz und Phosphate. Seit 1994 sind an der Drehbrücke die Löschboote der Kölner Berufsfeuerwehr stationiert. Die Wache lag vorher im Bereich des heutigen Schokoladenmuseums am Rheinauhafen.

Heute werden im Hafen Getreide vor allem von der zu den Kampffmeyer Mühlen (heute Unternehmensgruppe GoodMills Deutschland) gehörenden Ellmühle sowie Futtermittel, flüssige Kreide und Schrott umgeschlagen. Mit der Eventhalle „Essigfabrik“ und der „Elektroküche“ sowie dem „Frauenautohaus“ haben sich inzwischen auch hafenfremde Unternehmen angesiedelt.

Der schleichende Bedeutungsverlust als Industriehafen seit Beginn des 21. Jahrhunderts führte 2007 und 2008 im Rat der Stadt Köln zu einer Diskussion, wie der Deutzer Hafen zukünftig entwickelt werden soll. Mit einer Standortuntersuchung wurde Alternativen zu seiner Ertüchtigung als Industriehafen erarbeitet. Am 26. März 2009 beauftragte der Rat die Verwaltung der Stadt Köln mit der Durchführung einer Planungswerkstatt auf Basis der "Standortuntersuchung Deutzer Hafen“. Die Planungswerkstatt fand am 27. und 28. April 2009 als zweitägiges Symposium mit 16 Fachreferentinnen und Fachreferenten sowie rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Dazu gehörten Experten aus den Bereichen Bürostandortentwicklung, Wohnungswirtschaft, Kreativwirtschaft, Stadtentwicklung/Städtebau, Logistik, Binnenschifffahrt/Hafenwirtschaft und Wasserwirtschaft. Wesentliches Ergebnis des Symposiums war die Empfehlung zur Erarbeitung eines verbindlichen Entwicklungskonzeptes zur zukünftigen Nutzung des Hafens.

Im Juni 2015 hat sich der Rat der Stadt Köln mit einer Grundsatzentscheidung dafür ausgesprochen, den Hafen zu einem Büro- und Wohnquartier umzugestalten. Wohnraum für bis zu 6.900 Einwohner und 7.000 Arbeitsplätze können hier entstehen. Mit der Durchführung eines städtebaulichen Gutachterverfahrens unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger der Stadt Köln wurden die Weichen zur Umwandlung des Deutzer Hafens gestellt. Seit Februar 2016 hatten sich fünf interdisziplinäre Teams aus international renommierten Planungsbüros und unter Mitwirkung der Stadtgesellschaft mit der Frage beschäftigt, wie der Deutzer Hafen von morgen aussehen könnte. Die überzeugendste Antwort hat das Kopenhagener Büro COBE Architects geliefert. Der Entwurf punktete unter anderem mit der gelungenen Integration des industriellen Hafenerbes. Nicht nur der Erhalt der Kranbahnen und des ehemaligen Löschkrans tragen dazu bei. Wesentlich für den Entwurf ist der Rückgriff auf die verschiedenen Typologien von Baukörpern im Hafen, wodurch – anders als im gegenüber liegenden Rheinauhafen – eine vielfältige Gebäudelandschaft entsteht. Die unterschiedlichen Baukörper stellen nicht nur die architektonische Vielfalt sicher, sondern stehen auch für eine lebendige soziale Mischung. Mindestens ein Drittel der Wohnungen soll im geförderten Wohnungsbau errichtet werden.

Planung COBE Architects 2016
Der geplante Freiraum im Norden erlaubt zukünftig den ungehinderten Blick auf die beiden Mühlengebäude. Das Hafenbecken als größter öffentlicher Freiraum und Industriedenkmal wird von weiteren Parks und öffentlichen Plätzen begleitet und schafft so für jede Lage im Quartier eine Verbindung zur Landschaft. Damit steht die zukünftige „grüne“ Westseite des Hafens im Kontrast zur urban geplanten Ostseite des Quartiers mit ihrer Verbindung zum Deutzer Stadtteil. Der Niveauunterschied zwischen der heutigen Hafenkante und des hochwassersicheren Bereiches wird teilweise durch hochwertig gestaltete, behindertengerechte Treppenanlagen ausgeglichen. Den Höhepunkt findet diese Planung in einem auf Hafenkanteniveau geplanten Wasserbeckens am südlichen Ende, das den Blick über das Hafenbecken auf die Türme des Doms freigibt. Die geplanten fünf Unterquartiere können entweder nacheinander oder teils auch gleichzeitig errichtet werden.

moderne Stadt, die Stadtentwicklungsgesellschaft der Stadtwerke Köln GmbH und der Stadt Köln kaufte 2016 das Gelände mit allen Anlagen und Hochbauten. In enger Abstimmung mit der Stadt Köln soll der Hafen ab 2021 auf der Grundlage des Entwurfs von COBE Architects entwickelt werden.
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