Gutehoffnungshütte | Zentrallager und Hauptverwaltung III
Oberhausen, Hohenbudberger Straße 10

Kurztext

Die 1921-26 nach Entwurf von Peter Behrens enstandene Anlage hat eine herausragende architekturgeschichtliche Bedeutung als Beispiel der klassischen Moderne im Fabrikbau und ist zugleich eine Dokument der hochrangigen Stellung der Gutehoffnungshütte.


Walter Buschmann
Zentrallager und Hauptverwaltung III der Gutehoffnungshütte


Einleitung

Will man den mächtigen, 1921-25 von Peter Behrens für die Gutehoffnungshütte an der Essener Straße in Oberhausen geschaffenen Backsteinkomplex mit Hauptlager und Hauptverwaltung III angemessen würdigen, müssen industrie- und architekturgeschichtlichen Aspekte gleichermaßen beachtet werden.

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Hütte Gute Hoffnung in Sterkrade. Bild um 1850
Die Gutehoffnungshütte gilt mit ihren im 18. Jahrhundert entstandenen Eisenhütten St. Anthony, Gute Hoffnung und Neu-Essen als eine Wiege der Ruhrindustrie. Als die drei Hütten 1810 zur "Hüttengesellschaft und Handlung Jacobi, Haniel und Huyssen" vereinigt wurden, war es besonders Franz Haniel, der die Entwicklung des Unternehmens energisch vorantrieb.

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Lageplan der Gutehoffnungshütte. Zustand um 1860
An der Essener Straße entstand ein Walz- und Puddelwerk und zusätzlich zu den in großen Massen produzierten Eisenbahnschienen wurde die Gutehoffnungshütte berühmt für ihre Maschinen und Stahlkonstruktionen. Mit den Eisenhütten I und II an der Essener Straße und der nicht weit davon entfernt angelegten Zeche Oberhausen wurde hier in den 1850er Jahren einer der ganz großen montanindustriellen Komplexe des Ruhrgebiets geschaffen. Angetrieben von dem rastlosen Haniel war die Gutehoffnungshütte zu einer Hüttenzeche geworden, jener für das Ruhrgebiet typisch werdenden Kombination von Bergbau und Hüttenwesen in einem Unternehmen. 1873 zur Aktiengesellschaft umgewandelt wurden in den folgenden Jahrzehnten weitere Bergwerke geschaffen und neue Walzanlagen und Werkstattkomplexe gebaut. Großzügige Siedlungen, darunter Eisenheim als eine der ersten Arbeitersiedlungen des Ruhrgebiets entstanden. Die Gutehoffnungshütte prägte das Landschaftsbild nördlich der inzwischen herangewachsenen Stadt Oberhausen. Die Konzernzentrale war mit zwei Hauptverwaltungen an der Essener Straße entstanden. Über Jahrzehnte hinweg lenkte 1905 bis 1941/42 an der Konzernspitze Paul Reusch die Entwicklung. Aus seinen Bestrebungen zur Rationalisierung und Modernisierung heraus entstand als Teil der Konzernzentrale an der Essener Straße das Hauptlager und die Hauptverwaltung III von Peter Behrens.

Der Maler und Architekt Peter Behrens (1868-1940) war einer der wichtigsten Mitgestalter des Übergangs vom Historismus zur Klassischen Moderne. Sein Ruhm schon vor dem Ersten Weltkrieg wurde begründet durch seine Tätigkeit als eine Art Chefdesigner bei der AEG in Berlin. Neben den von ihm für das Elektrounternehmen gestalteten Produkten entwickelte er in Auseinandersetzung mit den industriellen Bauaufgaben für die AEG, der Turbinenfabrik von 1908, der Hochspannungsfabrik 1909/10 und der Kleinmotorenfabrik 1910-13 eine neue Ästhetik. In Westdeutschland baute Behrens in dieser Zeit unter anderem das Krematorium Delstern bei Hagen 1906/07, drei Villen (Goedecke, Cuno und Schroeder) in der von Karl Ernst Osthaus im Rahmen seiner Folkwangidee konzipierten Gartenvorstadt Hohenhagen bei Hagen (1909-12) und vor allem 1911 die Hauptverwaltung der Mannesmann-Röhrenwerke in Düsseldorf. Behrens konnte sein bis dahin bereits reichhaltiges Werk auf der Weltausstellung in Gent 1913 präsentieren und erhielt einen Grand Prix. Als 1913 Fritz Hoeber eine erste Monographie über Behrens veröffentlichte, war dies eine einzigartige Auszeichnung, die lebende Architekten damals nur selten zuteil wurde. Behrens war zu dieser Zeit eine der prägenden Architektenpersönlichkeiten in Deutschland.



Die Bauaufgabe

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Entwurfsskizze von Peter Behrens. Quelle: Cremers, Paul Joseph: Peter Behrens, sein Werk von 1909 bis zur Gegenwart, Essen 1928
Schon vor dem Ersten Weltkrieg beabsichtigte die Gutehoffnungshütte den Bau eines Zentrallagers. Es sollte eine zentrale Eingangsstelle für Gebrauchsgüter, ausgenommen Maschinen, Maschinenteile, Walzen etc. geschaffen werden. Bislang waren diese Güter dezentral von den einzelnen Bergwerken und Betrieben des Unternehmens bestellt und entgegengenommen worden. Mit der zentralen Bestellung und Lagerung der Waren erhoffte man sich folgende Vorteile:

• optimale Reaktion auf die jeweilige Marktlage, mit nur den absolut notwendigen Einkäufen in den Hochpreisphasen und Massenbestellungen bei sinkenden Preisen
• konzentrierte Anlieferung in geschlossenen Waggonladungen statt im Stückgüterverkehr und dadurch Einsparung von Frachtkosten
• sparsamere Vorratswirtschaft
• vor allem: die eintreffenden Güter sollten nach Eingang in einer zentralen Prüfstelle auf Güte und Eignung untersucht werden können.


Welche Bedeutung dem neuen Bauwerk zugemessen wurde zeigen Informationsreisen von Mitgliedern des Vorstandes. Besichtigt wurden Lagergebäude von Krupp in Essen, der Alfred-Krupp-Hütte in Duisburg-Rheinhausen, der Gewerkschaft Deutscher Kaiser (August-Thyssen-Hütte) in Duisburg, der Zeche Alma in Gelsenkirchen, der Farbenfabrik von Bayer in Leverkusen, der Königlichen Bergwerksdirektion in Saarbrücken, der Hamburg-Amerika-Linie in Hamburg? und der AEG in der Brunnenstraße in Berlin. Die erhaltenen Dossiers dienten zur Klärung der Aufgabenstellung, führten zu einer exakten Definition der Bauaufgabe.

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Lageplan des Zentrallagers. Quelle: Cremers, Paul Joseph: Peter Behrens, sein Werk von 1909 bis zur Gegenwart, Essen 1928
Eine Besonderheit des Lagerhauses in Oberhausen war die beabsichtigte Kombination mit einem weiteren Verwaltungsgebäude, der Hauptverwaltung III. Hier war die Leitung des Lagerhauses vorgesehen und Räume für die Direktoren Dickertmann, Hofmann, Holz und Klemme. An das Verwaltungsgebäude sollte ein Beamtenwohnhaus mit drei Wohnungen anschließen.

1920 wurden die Architekten Carl Weigle, Grunitz, Bruno Möhring und Peter Behrens im Rahmen eines Wettbewerbs aufgefordert, Entwürfe für die so sorgfältig erarbeitete Nutzungskombination aus Industrie-, Verwaltungs- und Wohnbau vorzulegen. Die Pläne konnten im Oktober 1920 begutachtet werden. In den schriftlichen Beurteilungen durch die Direktoren Dickertmann, Hofmann und den Werksarchitekten Fritz Sonnen galt der Entwurf von Bruno Möhring hinsichtlich der Funktionserfüllung und der Kosten als die beste Wettbewerbsarbeit. Für die von Peter Behrens vorgelegte Lösung wurden in funktionaler Hinsicht erhebliche Nachteile aufgeführt. Dennoch gab man diesem Entwurf den Vorzug, denn "...die Fassadenarbeit des Lager- und Verwaltungshauses (steht) auf hoher künstlerischer Stufe und bietet die bestimmte Gewähr für eine befriedigende Lösung. Die gleichmäßige Verteilung der Massen, die Anlage der Fenster und die horizontale Linienführung geben dem Auge ein unbedingt ruhiges und sachliches Bild" (Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv (RWWA), Bestand Haniel 300041/6)

Die unter Mitwirkung des Konzernchefs Paul Reusch getroffene Entscheidung belegt die hohe Bedeutung, die man zu dieser Zeit der Außenwirkung der Anlage beimaß. Die im Entwurf von Behrens enthaltenen Nachteile wollte man jedoch nicht hinnehmen. Als Peter Behrens im Dezember 1920 den Auftrag erhielt, wurde er zugleich aufgefordert, durch Änderungen an seinem Entwurf die vom Bauherrn bemängelten Nachteile zu beheben. Behrens hatte unter anderem Lagerhaus und Verwaltung als zwei parallel zu Essener Straße ausgerichtete Baukörper vorgesehen. Bei der Nachbearbeitung sollte die von Möhring und Weigle vorgeschlagene winkelförmige Anordnung der beiden Baukörper realisiert werden. Der Bauherrn wünschte also, daß das Lagerhaus als eigentlicher Industriebau deutlich vom öffentlichen Raum her wahrnehmbar sein sollte. Gleichzeitig wurde damit die Hauptverwaltung III mit immerhin vier Direktorenzimmern im Wortsinne an die Seite gerückt. Das Unternehmen wollte sich offenbar gerade auch durch den Zweckbau darstellen. Die Architektur des Industriebaus (nicht des Verwaltungsgebäudes !) wurde als eine werbende Kraft verstanden, sowohl nach außen, wie auch im Binnenverhältnis zwischen Unternehmensleitung und Beschäftigten.

Der Auftrag zur Weiterbearbeitung verlangte von Behrens außerdem die Umwandlung des Lagerhauses aus einer langgestreckten (140m !) Anlage mit nur einer Stützenreihe im Inneren in einen kompakten Baukörper mit größerer Gebäudetiefe und zwei inneren Stützenreihen. Behrens wurden die von Möhring vorgesehenen Abmessungen empfohlen: ein siebengeschossiges Gebäude mit zwei Stützenreihen im Inneren und etwa 70 Meter Länge. Der Raum zwischen den Stützen im Inneren sollte als Transportfläche dienen. Die Länge der Regale zwischen Stützen und Außenwände sollten nach den Lichtverhältnissen bemessen sein.

Da die "kurze Bauart" nach dem Entwurf von Möhring realisiert werden sollte, wurde Behrens auch die Berücksichtigung einer Erweiterungsmöglichkeit in der Länge aufgetragen. Diese Erweiterungsvariante stellte Behrens 1921 in zwei perspektivischen Skizzen und einem Modell vor.

Peter Behrens mußte also seinen Entwurf wesentlich umändern. Seine Beauftragung resultierte allein aus der von ihm vorgeschlagenen, die Auftraggeber überzeugende Industrieästhetik.


Die Gesamtanlage

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Luftbild von 1986
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Torhaus an der Essener Straße. Rechts die Hauptverwaltung III. Foto: 2005
Die Gesamtanlage wird dominiert von dem siebengeschossigen Lagerhaus, einem mächtigen Baumassiv von 86 Metern Länge und etwa 25 Metern Höhe, dessen Größe jedoch durch die Einbindung in die Gesamtanlage und durch die geschickte Staffelung und Gliederung der Baukörper wohltuend relativiert wird. Dem Betrachter bietet sich von der Essener Straße eine geradezu imposante Steigerung der Baumassen, beginnend mit der flach gehaltenen Toranlage, dem dreigeschossigen Verwaltungsgebäude und schließlich in der Distanz, parallel zur Straße ausgerichtet das Lagerhaus. Hinter dem Lagerhaus, in der Vorderansicht also nicht mitsprechend, befindet sich das langgestreckte, eingeschossige Lager für Öle und Fette.

Wirkt also schon diese Baumassenverteilung auf dem Grundstück einer Monumentalwirkung entgegen, sind die für das Gesamtbild wesentlichen Horizontallinien in gleicher Weise eingesetzt. Diese Linien finden sich in dem weit ausladenden Dach der Toranlage, besonders aber in der Rampenüberdachung, die als Verbindungsglied zwischen Lagerhaus und Verwaltung fortsetzt wird. Auch das Verwaltungsgebäude hatte ursprünglich eine weit auskragende Dachplatte, die jedoch nach dem Krieg nicht wieder hergestellt wurde. An der nördlichen Schmalseite des Lagerhauses setzen sich die Horizontallinien, wie Speckschwarten in des Ziegelmauerwerk eingefügt über die ganze Höhe des Bauwerks fort. Dieser Horizontalismus ist sicher aus der Architektur Frank Lloyd Wrights abzuleiten, zumal wir wissen, das die Wasmuth-Veröffentlichung über Wright im Büro von Peter Behrens geradezu wie eine Schulbuch verwendet wurde. Es ist jedoch kein fremder Formalismus, der auf dem Weg einfacher Übertragung für die Oberhausener Anlage angewendet wurde. Die horizontale Orientierung der Anlage resultiert aus einem wesensprägenden Bauteil des Lagerhauses: den Rampen. Die Fortführung der Horizontallinien dient auch dazu die vier Bauten untereinander zu verbinden, dient zur Verschmelzung der Einzelbauten zu einer harmonischen Gesamtanlage.


Das Lagerhaus

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Panoramaaufnahme Lagerhaus. Foto: 2005
Mehr noch als die Linien bestimmen jedoch die sorgfältig in ihrer Massenwirkung bedachten Baukuben das Gesamtbild. Gliedernde Elemente sind die Treppen- bzw. Aufzugstürme, die sich als quaderförmige Körper quer zur Hauptachse stellen und das siebengeschossige Gebäude noch um ein weiteres Geschoß überragen. Die Haupterschließungstürme teilen den langgestreckten Hauptkörper des Lagerhauses in zwei annähernd quadratische, seitliche Blöcke und einen längsrechteckigen Block im Zentrum. Die kubische Qualität der Blöcke wird noch unterstrichen durch die bündig in die Fassaden eingesetzten Fenster. Die beiden Obergeschosse sind verputzt, treten stufenförmig zurück und sind durch plattenbekrönte Wandpfeiler unterteilt.

Die Staffelung des Baukörpers folgt auch der geschoßweise differenzierten Nutzung: das Erdgeschoß dient zur Prüfung und Verteilung der Waren. Es hat mit 5000 kg/qm die höchste Belastbarkeit. Nach oben nimmt die Belastbarkeit der Decken um jeweils 1000 kg/m² ab. In den drei oberen Geschossen lagerten: Kleineisen-Material (1. OG), Werkzeuge (2. OG) und elektrische Materialien (3. OG). In den beiden obersten Geschossen tagen die Decken nur noch 500 kg/qm. Hier wurden nur leichte Güter wie Schreibwaren und Textilien gelagert. Die Geschosse werden verbunden durch die beiden großen Lastaufzüge von vier Tonnen Tragkraft. Sie können heute mit einem Zug jeweils 76 Personen transportieren.

An- und Abfuhr der Güter waren getrennt: zwei Gleise dienten hinter dem Lagerhaus für die ankommenden Güter, das Gleis vor der Vorderfront wurde zur Verladung der abgehenden Güter genutzt. Zusätzlich gab es auch Zufahrts- und Belademöglichkeiten für Fuhrwerke und Lastkraftwagen. Auf die besonders breiten Rampen (4 Meter) wurde schon bei Formulierung der Bauaufgabe geachtet. Unter den Rampenüberdeckungen waren sogenannte Velozipedkrane zur raschen Be- und Entladung angebracht. Kleine Elektrokarren wurden auf den Geschossen eingesetzt, wo die Waren in Gruppen getrennt meist in eisernen Regalen untergebracht waren.


Das Verwaltungsgebäude

Sehr viel einheitlicher ist das ursprünglich von dem bereits erwähnten weit auskragenden Flachdach geradezu beherrschte Verwaltungsgebäude ausgebildet. Es ist von dem Hof vor dem Lagerhaus durch eine Art Löwengang mit Backsteinpfeilern und übermannshohen Gittern separiert. In der zum Hof orientierten Erdgeschoßfassade wiederholen sich die quadratischen Fenster des Lagerhauses. Die schmalen, schlanken Fenster sind im ersten Obergeschoß fassadenbündig angeordnet. Unter dem Dach springen die schmalen Fenster über einem ringsumlaufenden Sohlbankgesims zurück und sind damit in eine dichte Folge von Backsteinpfeilern eingebunden, die optisch die Dachplatte zu tragen schienen. Der Haupteingang lag in der zur Essener Straße orientierten Schmalseite und an der Gebäuderückseite war ein früher markant wirkender Treppenturm angeordnet, der noch knapp über ein weit von den Dachaußenkanten zurückweichendes Staffelgeschoß hinwegragt. Nachdem das Verwaltungsgebäude im Krieg 1943 durch einen Bombentreffer erheblich beschädigt wurde und die beiden Obergeschosse ausbrannten, erhielt es 1957 durch das Büro Jung aus Essen seine heutige Fassung. Der Haupteingang wurde verlegt und durch den gleichzeitig errichteten Erweiterungsbau mußte das nördlich an die Straßenfassade anschließende ebenfalls von Behrens entworfene Beamtenwohnhaus, abgebrochen werden. Der Erweiterungsbau ist über das turmartig ausgebildete Treppenhaus in der Rückfassade mit der alten Hauptverwaltung III verbunden, so daß dessen Dominanz wesentlich reduziert wurde.

Von der auf alten Fotos überlieferten Innenausstattung sind zumindest sichtbar keine Spuren erhalten. Die Wände und Fußböden waren überwiegend mit gebrannten Tonplatten belegt, wobei durch Beimischung von Teerwasser in den Ton ein lebhaftes Farbspiel erzeugt wurde. Die wechselnden Plattenformate und die Verlegemuster ergaben lebhafte Wand- und Deckenbilder. Zur Gestaltung der Decken wurden die sichtbaren Balken dieses Stahlbetonskeletbaus herangezogen. Im Treppenhaus gab es eine Buntverglasung nach Entwurf von Johan Thorn-Prikker.


Lager Öle und Fette

In der funktionalen Bewertung des Behrens'schen Entwurfs von 1920 wurde lobend eigentlich nur die separate Anlage eines Schuppens für alle schmutzigen und stark riechenden Öle hinter den Lagerhaus erwähnt. Im Keller dieses langgestreckten, eingeschossigen Backsteinbaus wurden Tanks für Großmaschinenöl, Maschinenöl, Raffinat, Destillat, Transformatorenöl aufgestellt. In Fässern wurde gelagert: Staufferfett, Calypsöl, Autoöl, Terpentinöl, Leinöl, Förderwagenschmiere, Benzol. Die Stahlblechtanks im Keller des Schuppens sind weitgehend erhalten. Das in den Tanks gelagerte Öl wurde mit Pumpen ins Erdgeschoß gefördert und konnte dort einer Zapfanlage entnommen werden.


Für die Konstruktion: Stahl und Beton

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Stahlskelett des Lagerhauses. Quelle: LVR-Industriemuseum Oberhausen
Besondere Beachtung verdient die Konstruktion des Lagerhauses. Zum Schutz gegen Bergsenkungen wurde der ganze Bau auf eine 90 cm starke Betonplatte gestellt. Oberhalb der Platte wurden 90cm hohe Balken kassettenartig mit der Platte konstruktiv verbunden. Die Platte steigt seitlich schräg an, so daß sich im Profil das Bild eines Schiffsrumpfes ergibt.

Die tragende Hochbaukonstruktion besteht aus einem genieteten Stahlskelett. Insgesamt wurde von der GHH-Brückenbauabteilung 1000t Profilstahl verarbeitet. Die Decken bestehen aus Doppel-T-Trägern mit ausbetonierten Feldern. Die Unteransichten der Decken und die Wände wurden verputzt, die Stützen mit Ziegelmauerwerk feuersicher umkleidet.

Die Verwendung von Stahl als Baustoff zumindest für die Primärkonstruktion geht mit Sicherheit auf den Wunsch des Bauherrn zurück zumal die Gutehoffnungshütte die entsprechenden Profile in den eigenen Walzwerken selbst herstellte und die Brückenbauabteilung für den Bau großer Stahlkonstruktionen in aller Welt bekannt war. Für die Gestaltung sowohl im Außen-, wie auch für den Innenbau spielte das Konstruktionsmaterial keine Rolle. Das Lagerhaus der Gutehoffnungshütte folgt damit einer schon im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts seit den großen Stadtbränden in Chicago aufkommenden Tendenz. Viele Stahlskelettbauten in den 1920er Jahren tragen eine Hülle aus Natur- oder Ziegelstein, mit der die Primärkonstruktion verhüllt wird. Werner Hegemann sprach in diesem Zusammenhang einmal spöttisch von einem modernen Gerippe mit mittelalterlichem Fell. Peter Behrens wählte für die Außenhaut seines Oberhausener Baus Ziegelstein.


Für die Gestaltung: Ziegelstein

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Backsteinmauerwerk. Foto: 2005
Der Backsteinbau hat im Westdeutschland eine große Tradition und als der Werkbund den Ziegel auch für die Moderne wiederentdeckte, als Fritz Schumacher 1917 über das "Wesen des neuzeitlichen Backsteinbaus" schrieb, konnte sich der Niederrhein wieder als der südwestliche Teil des Herrschaftsgebietes des norddeutschen Backsteinbaus verstehen. Im Industriebau galt der Ziegel zudem als widerstandsfähig gegen die aggressive Industrieluft, also als ein Material, das lange eine gutes und gleichmäßiges Aussehen behält. Der Industriebau war daher in aller Regel seit den Anfängen der industriellen Revolution im Ruhrgebiet ein Ziegelbau. Da laut Wettbewerbsbedingungen die Oberhausener Bauten so ausgeführt werden sollten, daß Erneuerungs- und Anstreicharbeiten vermieden werden konnten, lag die Verwendung von Ziegel für die Außenhaut nahe. Behrens entschied sich für ein Sonderformat, einen Oeynhausener Rohbau-Verblendklinker mit den Maßen 30x14x6,8 bzw. 30x7,3x6,8. Steine dieser Größe waren aus der mittelalterlichen Architektur unter der Bezeichnung Klosterformat bekannt. Die für die Anfertigung dieser Steine entstehenden Mehrkosten von 400000 Mark wollte der Bauherr akzeptieren. Die Fugen wurden in einem hellem Grau, das sich dezent vom Ziegel absetzte und feine Schattenlinien bildete ausgeführt. Als Hintermauerung verwendete man Normalsteine aus der Walsumer-Ringofenziegelei der Gutehoffnungshütte.

Nur sehr zurückhaltend sind die aus dem Material heraus möglichen Differenzierungen im Farbspiel und im Mauerwerksverband genutzt. Verzichtet wurde auf die gerade bei Vergleichsbauten aus den 1920er Jahren oft übliche Reliefbildung durch vor- und rückspringende Steinschichten, sowie teppichhaft wirkende Steinmuster im Mauerwerksverband. Nur sparsam werden die aus dem Material resultierenden Gestaltungsmöglichkeiten eingesetzt: der wendische Verband wird nur über und unter den Fenstern unterbrochen von durchlaufenden Schichten aufrecht gestellter Steine. Das Material soll sich eindeutig der ruhigen Gesamtwirkung der großen Form unterordnen.

Das Format der Steine diente als Grundmaß für die Maße der Fensteröffnungen: drei Ziegel entsprechen der Breite der schmalen, sechs Steine der Breite der quadratischen Fenster. Alle Fenster sind sechs Steinlängen hoch.

Ungewöhnlich für die Industriearchitektur im Ruhrgebiet ist die Verwendung von Holzfenstern. Vereinheitlichend wird über alle Geschosse hinweg das gleiche quadratische Fensterformat mit mittig angeordnetem Kämpfer eingesetzt. Die dadurch in den Fensteröffnungen entstehenden vier quadratischen Felder werden noch einmal durch Sprossen in liegende Formate unterteilt. Deutlich abweichend dagegen sind die überwiegend am Verwaltungsgebäude verwendeten schmalen Fensterformate, die Behrens schon 1911 beim Mannesmann-Verwaltungsgebäude in Düsseldorf verwendet hatte. Bei versetzbaren Innenwänden sollten die schmalen Fenster dort größtmögliche Flexibilität bei Veränderung der Raumgrößen gewährleisten.


Würdigung

Als 1928 eine zweite, umfangreiche und gut bebilderte Monographie über Peter Behrens erschien widmete der Autor Paul Joseph Cremers der Anlage in Oberhausen zusammen mit der Hauptverwaltung der Farbenwerke Hoechst ein eigenes Kapitel. Diese zusammenfassende und vergleichende Darstellung bot sich geradezu an, weil beide Anlagen nahezu gleichzeitig entworfen wurden. Nach Buddensieg spricht manches dafür, daß der Oberhausener Bau Behrens erster Entwurf nach dem Krieg war, denn der im Oktober 1920 vorgelegte Wettbewerbsentwurf dürfte bereits im Sommer des gleichen Jahres entstanden sein. Die Farbwerke Hoechst fragten im August 1920 bei Behrens an und Behrens erwähnte am 5. 9. 1920 erste Skizzen. Bei dieser zeitlichen Übereinstimmung stellt sich die bis heute nicht befriedigend beantwortete Frage, wie der gleiche Architekt innerhalb kürzester Zeit hintereinander derart unterschiedliche Formenwelten entwickeln konnte. Oberhausen steht noch deutlich in der Tradition der sachlich gehaltenen AEG-Fabrikbauten der Vorkriegszeit, ergänzt um Formen, die Frank Lloyd Wright eingeführt hatte, während Hoechst ein formvollendetes Gesamtkunstwerk des Expressionismus ist. Auf der einen Seite finden wir einen auf die Spitze getriebenen Rationalismus, auf der anderen Seite in Hoechst eine "romantische" Grundhaltung, die nach dem Behrens-Biographen Cremers charakteristisch für den inzwischen 60jährigen Peter Behrens sei. Bei der geradezu antagonistischen Gegensätzlichkeit der Formenwelten von Oberhausen und Hoechst wirkt es noch unverständlicher, daß beide Anlagen nahezu gleichzeitig ausgeführt wurden: Oberhausen verzögert durch die Rheinland-Besetzung 1921 bis 1926, Hoechst 1921 bis 1924, was bedeutet, daß die Details für Oberhausen und Hoechst etwa gleichzeitig, im gleichen Büro gezeichnet wurden. Sicher gab es für beide Baustellen unterschiedliche Projektleiter, in Oberhausen war es der Atelierchef Gregor Rosenbauer, in Hoechst Jean Krämer. Dennoch wird man die künstlerische Oberleitung immer dem Patron des Ateliers Peter Behrens zuordnen müssen, umsomehr, als es Behrens stets um das Problem schlechthin ging, den Architekturstil jener Zeit neu zu definieren. Gleichzeitig die Details für Oberhausen und Hoechst zu bestimmen muß im Behrens'schen Atelier eine geradezu schizophrene Situation gewesen sein.

Man wird die Frage nach dem Grund für die zum gleichen Zeitpunkt im Lebenswerk von Behrens auftretende Widersprüchlichkeit nicht ohne die von den Bauherrn formulierten Vorstellungen beantworten können. Wir wissen, daß Behrens durch das Erlebnis des Krieges zum Expressionismus gebracht wurde. Im Zentrum der Hoechster Anlage steht achsial hinter der phantastischen Kuppelhalle die von Richard Scheibe geschaffene Bronzefigur eines Arbeiters vor einer Tafel mit den 600 im Krieg getöteten Hoechst-Mitarbeitern. Wo die Verarbeitung der schrecklichen Kriegserlebnisse derart im Vordergrund stand, mußte für Behrens, der durch den Krieg zum Expressionismus kam die Verwendung expressionistischer Formen nahe liegen.

In Oberhausen lag ein anderes Thema an: Rationalisierung. Dieses Thema wurde zum Grundakkord dieses Jahrzehnts in der Industrie überhaupt. Die Idee des Zentrallagers selbst war geboren aus diesem Gedanken. Im Geschäftsbericht der Gutehoffnungshütte von 1923, als der Neubau eines großen Werkstattgebäudes auf der Zeche Oberhausen anstand, wurde deutlich ausgesprochen worum es ging: "Zusammenlegung von Einzelbetriebe, übersichtliche Anordnung der Arbeitsstellen, leichtere Aufsichtsführung gestatten die Zahl der Handwerker um 30% zu verringern." Es ging mit Sicherheit um weit mehr als nur um "Leuteersparniss" - wie es an anderer Stelle hieß, es ging um die Verbreitung einer Grundhaltung, die selbstverständlich schon immer Teil des industriellen Handelns war, nun aber ohne die Verbrämungen des wilhelminischen und das heißt ja im industriellen Sektor auch weitgehend patriarchalisch geordneten Zeitalters. Für die Arbeitsmotivation mußten neue Akzente gesetzt werden und auch die Architektur hatte hierzu ihren Beitrag zu leisten.

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Lagerhaus Innenansicht. Foto: 1990
Es ging dabei auch um den luftigen und schönen Fabrikbau. Der Arbeiter sollte sehen, daß dem Fabrikherrn der Arbeitsplatz am Herzen liegt. Architektur hatte insofern werbenden Charakter, unterstützte den positiven Arbeitswillen, wirkte der "Umsturzpartei", wie Walter Rathenau einmal formulierte entgegen.

Mehr aber noch sollten die Formen den Charakter der Arbeit symbolisieren, so wie es Fritz Mannheimer einmal angesichts der AEG-Kleinmotorenfabrik empfand: "Es ist der Sinn industrieller Arbeit, der Stolz der Werkstätten, der Vormarsch all ihrer sausenden Maschinen, der hier seinen Ausdruck findet." Bemerkenswert war der ausdrücklich vom Unternehmen dem Architekten aufgegebene Auftrag, den Industriebau, anstelle des Verwaltungsgebäudes zur Repräsentation einzusetzen. In Erwägung, daß Industriebau im frühen 20. Jahrhundert nicht selten als Denkmäler der Arbeit galten, als semantischer Ausdruck einer tieferen Sinndeutung menschlicher Arbeit überhaupt, wird bei den überlieferten Äußerungen des Bauherrn der Wunsch deutlich, mit diesen Architekturformen Ruhe und Sachlichkeit in den Vordergrund zu stellen.

Peter Behrens hat sich nach Oberhausen und Hoechst nachdem er sich noch 1922 gegen eine Veröffentlichung seiner AEG-Bauten durch Adolf Behne ausgesprochen hatte vom Expressionismus wieder abgewendet. Er baute noch deutlicher als in Oberhausen im Internationalen Stil, wobei sein Haus New Ways in Northhampton 1923-25, das Terrassenhaus für die Weißenhofsiedlung 1927 und die Zigarettenfabrik für die Österreichische Tabakgesellschaft in Linz 1932-34 Ausdruck dieser Gesinnung waren. Als Behrens 1931 anläßlich der Bauausstellung in Berlin gefragt wurde: "Welches Bauwerk halten Sie für die beste und reifste Schöpfung?" antwortete er: "Ich bin gern bereit, Ihnen Aufnahmen von einem größeren Gebäude, das in der letzten Zeit entstanden ist und mir selbst als das erscheint, an dem es mir gelungen ist meine Kunstanschauung am klarsten verwirklichen zu können, zu überlassen. Es sind dieses das Zentralmagazin und das zugehörige Verwaltungsgebäude der Gutehoffnungshütte Oberhausen AG., Rheinland." (Die Wochenschau 1931, s. Literatur)


Gegenwart und Zukunft

Bedingt durch den Strukturwandel im Ruhrgebiet, dem auch die Hüttenwerke und Zechen der Gutehoffnungshütte zum Opfer fielen büßte das Hauptlager seine Funktion ein. Nachdem sich mehrere Umnutzungspläne nicht realisieren ließen, erwarb der Landschaftsverband Rheinland das Hauptlager, das Lager Öle und Fette, sowie teilweise das Pförtnerhaus für einen Kaufpreis von 4 Mio DM. Das zum Landschaftsverband gehörende Rheinische Industriemuseum hatte schon lange nach einem Zentraldepot für seine Sammlungen gesucht. Das Hauptlager und das Lager Öle und Fette wurden für 11,8 Mio DM unter den Gesichtspunkten maximaler Substanzerhaltung und behutsamer Reparatur saniert und mit den für die neue Nutzung notwendigen Neuanlagen zur elektrischen Versorgung, Sanitärausstattung, Brandschutz und Erschließung versehen. Während die Hauptverwaltung III weiter von der Fa. Thyssen genutzt wird, wurde für die zugehörigen Oberhausener Behrens-Bauten eine geradezu optimale neue Nutzung gefunden, die wegen ihrer Nähe zur Originalnutzung nur wenig Verluste an der denkmalwerten Substanz bedingte. Das Gehäuse dieses Museumsdepots ist wie die darin aufbewahrten Objekte selbst zu einem hochrangigen Exponat des Rheinischen Industriemuseums geworden und zugleich eine geglücktes Beispiel für erfolgreiche Industriedenkmalpflege im Rheinland.


Quellen & Literatur

• Die Wochenschau. Westdeutsche Illustrierte Zeitung der Essener Allgemeinen Zeitung, Nr. 21, 24. 5. 1931 In die Umfrage wurden auch andere berühmte Architekten der Zeit einbezogen: Fritz Höger (Rathaus Wilhelmshafen), Walter Gropius (Bauhaus), Wilhelm Kreis (Hygiene-Museum Dresden, Hans Poelzig (Hauptverwaltung IG Farben Frankfurt a.M.)
• Ballestrem, Andreas Graf von: Es begann im Dreiländereck. Das Stammwerk der GHH - Die Wiege der Ruhrindustrie, Diss. Köln 1969
• Buddensieg, Tilmann: Architektur als freie Kunst, in: Buderath, Bernhard(Hg): Peter Behrens. Umbautes Licht. Das Verwaltungsgebäude der Hoechst AG, München 1990, S. 59
• Busch, Wilhelm: Bauten der 20er Jahre an Rhein und ruhr. Architektur als Ausdrucksmittel (=Beiträge zu den Bau- und Kunstdenkmälern im Rheinland,m Bd. 32), Köln 1993, S. 128
• Cremers, Paul Joseph: Peter Behrens. Sein Werk von 1909 bis zur Gegenwart, Essen 1928, S. 11 und 12
• Dickertmann: Das Hauptlagerhaus der GHH, in: GHH Werkszeitung der Gutehoffnungshütte 5, 1929, Nr. 19, S. 3-6
• Günter, Roland: Oberhausen (=Die Denkmäler des Rheinlandes Bd. 22), Düsseldorf 1975
• Hoeber, Fritz: Peter Behrens, München 1913
• Maschke, Erich: Es entsteht ein Konzern. Paul Reusch und die GHH, Oberhausen 1969
• Scharnow: Das Hauptlagerhaus, in: Der Stahlbau, Heft 5 1928, S. 57-58
• Sonnen, Fritz: Schöne Zweckbauten I. Unser neues Hauptlagerhaus und neues Verwaltungsgebäude, in: Werkszeitung der Gutehoffnungshütte 3, 1927, Nr. 11, S. 4-5
• Spethmann, Hans: Franz Haniel. Sein Leben und seine Werke, Duisburg 1956
• Windsor, Alan: Peter Behrens. Architekt und Designer, London 1981 und Stuttgart 1985 (deutsche Ausgabe)
• Woltmann, A./ Frölich, F.: Die Gutehoffnungshütte Oberhausen, Rheinland. Zur Erinnerung an des hundertjährige Bestehen, 1810-1910, Oberhausen 1910